Schlafen, bis der Arzt kommt

Es fühlt sich an, wie ein Kaugummi. Wie ein Kaugummi an der Innenseite ihrer Schädeldecke. Livia Sommer versucht, gegen eine sich anbahnende Schlafattacke zu kämpfen. Der Kaugummi wird länger und länger, sie versucht ihn mit ihren Gedanken festzuhalten und damit wach zu bleiben. Es klappt nicht. Sommer schläft ein, und das mitten in der Universitätsbibliothek.

Mal wieder.

Unkontrollierbare Schlafattacken, Halluzinationen und Sekundenschlaf: Darunter leidet die Stu- dentin Livia Sommer. Viele ihrer Symptome sprechen für die neurologische Erkrankung Narko- lepsie – und viele sprechen dagegen. Um herauszufinden, ob sie von der Erkrankung betroffen ist, verbringt Sommer ein Wochenende in einem von wenigen neurologischen Schlaflaboren.

Rund um die Uhr mit Elektroden verkabelt, führt das Personal nachts eine Polysomnographie durch. Tagsüber muss Sommer fünfmal für jeweils 30 Minuten schlafen: „Multipler Schlaf Latenz“ nennt sich das Verfahren.

Dann die Diagnose: Eine seltene Erkrankung, von der nur zwei bis fünf von 100.000 Personen betroffen sind. Ein Hoffnungsschimmer für Sommer – sie wünscht sich eine Zukunft ohne Sekundenschlaf, Halluzinationen und Schlafattacken, in der sie in die Arbeitswelt einsteigen kann, ohne ständig im Büro einzuschlafen.

Text von Antonia Röhrer, Hannover, Juni 2024


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